12
Mrz
2022
51

Liebe Luna

Am 29. September 2020 hast du ein Kalb geboren. Und zwar nicht irgendein Kalb, sondern mein ultimatives Lieblingskalb: Lumpi. Gut neun Monate lang hast du ihn unter (oder sagt man bei euch neben?) deinem Herzen getragen. Vor meinem Karrierestart als Stallhelferin, Hobbyheuerin und Heuschoberpraktikantin war mir überhaupt nicht bewusst gewesen, dass Kuhmamis ihre Babys praktisch gleich lang tragen wie wir. Das ist dann aber schon ziemlich die einzige Parallele. Während wir uns mit Schwangerschaftsturnen, Atemtechniken und Geburtsvorbereitungskursen auf das grosse Ereignis vorbereiten, gebärt ihr – im Normalfall – alleine und ohne viel Aufhebens. Allerdings kann es auch bei euch zu Komplikationen kommen. Und genau das geschah bei Lumpi.

Von Maria habe ich die Anzeichen kennengelernt, wann eine Kuh vermutlich gebären wird – so genau lässt sich das ja nicht berechnen. Wenn die Befruchtung durch die Tierärztin erfolgt noch eher. Aber wenn die Kuh im Sommer auf der Alp von einem kraftstrotzenden Stier gedeckt wird, fehlen die Anhaltspunkte. Drei typische Merkmale einer bevorstehenden Geburt sind die prallen Euter, die Schleimabsonderung und die einsinkenden Beckenbänder.

Tage (und Nächte) vor dem zu erwartenden Ereignis wird Maria unruhig. Zur Sicherheit geht sie dann regelmässig in den Stall, um das Eintreten bzw. den Fortschritt des Geburtsvorgangs zu prüfen und bei Bedarf zu helfen. Auch nachts. Lumpi – schon bei der Geburt ein Schlitzohr – lag verkehrt herum im Kanal. Hätten Maria und Johann keine Geburtshilfe geleistet, wäre er vermutlich bei der Geburt gestorben oder „kaputt gegangen“ wie man hier oben sagt. Was für ein Verlust das gewesen wäre. Ich hätte mein Lieblingskalb nie kennengelernt, hätte mich nie mit ihm gestritten, wenn er mich bei der Arbeit gestört hätte, hätte ihm nie die Wangen getätschelt, hätte nie meine Hände von ihm ablecken lassen und hätte ihn nie absichtlich etwas länger gestriegelt als die anderen Kälber.

Zum Glück ging dann doch alles gut. Ich gratuliere dir im Nachhinein zu deinem Prachtssohn, der mein Herz erobert hat. Was die Erziehung angeht, hättest du dir vielleicht etwas mehr Mühe geben können. Aber wahrscheinlich lag es ja an den Genen. Einmal Schlitzohr, immer Schlitzohr. Wer weiss.

Auf jeden Fall grüsse ich dich ganz herzlich von Frau zu Frau

Erica

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