4
Mai
2022
28

Kaputt :-(

Als ehemaliges „Katzenmami“ weiss ich aus eigener Erfahrung, wie nah einem der Tod eines Haustieres gehen kann. Bei Raichu war ich untröstlich – plötzlich fehlte ein Familienmitglied, das uns 13 Jahre lang begleitet hat. Auch als Merlin über die Regenbogenbrücke ging, entstand eine grosse Lücke. Wie verarbeiten Bäuerinnen und Bauern den natürlichen Tod von Nutztieren? Sicher anders, aber auch ihnen geht es nahe – zumindest Maria.

Die Schwere der Trauer hängt stark davon ab, welche Bindung sie zu ihren Tieren aufgebaut hat. Inzwischen weiss ich, dass sie bei Stierkälbern keine zu tiefen Gefühle entstehen lässt. Stierkälber werden im Normalfall nach wenigen Monaten verkauft oder geschlachtet. Trotzdem haben es auch die kleinen Stiere gut bei ihr. Sie kennt sie alle bei Namen und schaut zu, dass sie es schön haben in der kurzen Zeit, in der sie bei ihr sind. Jedes Tier, das „in die Ferien“ geht, verabschiedet sie auf liebevolle Weise. Die Mutterkühe und Milchkühe hingegen bleiben eine sehr lange Zeit bei Maria. Einige kennt sie schon seit deren Geburt. Damals hatte noch ihr Vater Gion den Hof geführt. Zu diesen Kühen hat Maria eine besonders enge Bindung.

Eine davon – die älteste – ist Grittli bzw. war Grittli. Die „Grand Dame“ im Freilaufstall war erneut trächtig – es gab Anzeichen, dass sie demnächst werfen würde. In den allermeisten Fällen gebären die Kühe ohne Hilfe. Trotzdem schaut Maria fast stündlich nach, wenn eine Geburt ansteht. So auch bei Grittli. Zum ersten Mal gestaltete sich der Geburtsvorgang als problematisch. Grittli tat sich so schwer, dass Maria sogar die Tierärztin, ihren Bruder Johann und einen benachbarten Bauern zu Hilfe rief. Zu viert halfen sie der werdenden Mutter beim Gebären und waren erleichtert, als Gusti endlich im Stroh lag und seine ersten wackeligen Stehversuche machte. Kurze Zeit später sprang er schon staksig im Stroh herum. Grittli war angeschlagen und legte sich hin, um sich zu erholen.

Tags darauf kam ich in den Stall und trat zur zweiten Morgenschicht an. Mit ernstem Gesicht warnte mich Maria vor: „Das Kalb ist kaputt“ (das ist hier im Zusammenhang mit den Tieren das gängige Wort für „gestorben“). Tatsächlich lag Gusti reglos im Stroh, die Augen waren matt, die Zunge hing ihm aus dem Maul. Ich war bestürzt. Vermutlich hatte sich Grittli aus Versehen auf ihr Baby gelegt. Mit gemeinsamen Kräften schleppten wir den leblosen Körper in den Aussenbereich, wo Marias Sohn ihn mit seinem Pickup abholte. Vorher hatte Maria Grittli mit Futter zum Gatter gelockt, um sie dort anzubinden – sie hätte uns sonst nicht zu ihrem toten Baby gelassen. Danach verteilte ich wie üblich frisches Stroh im Freilaufstall. Mein Blick schweifte immer wieder zu Grittli. Ihr lautes Muhen brach mir das Herz – das Muhen klang ganz anders als die üblichen „Ich-hab-Hunger-Muhen“ oder „Mir-ist-langweilig-Muhen“ oder „Ich-will-jetzt-auf-die-Weide-Muhen“ oder „Flöckli-hat-aber-mehr-Futter-bekommen-als-ich-Muhen“. Als zweifache Mutter konnte ich Grittlis Schmerz nachempfinden. Die Geburt hatte sie derart geschwächt, dass auch sie von ihrem Leiden erlöst werden musste. In meiner Hilflosigkeit tröstete ich sie mit leisen Worten und versprach ihr, dass sie bald wieder mit ihrem süssen Gusti vereint sein werde. Kurze Zeit später ging auch Grittli liebevoll verabschiedet „in die Ferien“ und ich hoffe inständig, dass sich Mutter und Kind irgendwo über dem Regenbogen wieder gefunden haben. Diese Vorstellung erleichtert es mir, diese traurige Stallgeschichte zu verarbeiten.

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