1
Jul
2022
16

Ich, die Leitkuh

Jede Kuhherde hat eine Leitkuh. Sie schreitet voran und alle anderen Tiere folgen ihr. Anders ausgedrückt: Sie hat die Schnauze vorn.

Den Sommer verbringen die Kühe bekanntlich auf der Alp. Das können sie kaum erwarten. Verständlich – ich wäre auch total ungeduldig, wenn ich eine Kuh wäre. Und an diesem Tag war ich ja sozusagen eine. Doch zunächst ein paar Hintergrundinformationen.

Grünes Licht für die Alp auf fast 2000 m ü M gibt’s erst dann, wenn der Schnee geschmolzen und das Gras auf den Weiden genügend hoch gewachsen ist. Schliesslich bleiben die Tiere bis etwa im Oktober dort oben. Und die fressen viel. Seeeeeehr viel. Das kann ich nach einem Jahr Stallpraktikantin aus Erfahrung sagen.

Im Winter verbringen die Kühe die Tage bzw. Nächte meist im Stall und im Freilauf. Und dann gibt es noch diese Zwischensaison, wo die Alp noch nicht bereit ist, aber das Wetter und die Temperaturen nicht nur unsereiner, sondern auch die Vierbeiner nach draussen locken. Marias Kühe dürfen dann auf die grosse Weide unterhalb der Strasse. Dieses riesige und sehr steile Stück Land (happig zum Heuen!) haben wir kürzlich eingezaunt (phu, ja, das war auch sehr anstrengend! Eine hochalpine Bergwanderung ist ein Sonntagsspaziergang dagegen).

Küheprozession am Morgen und am Abend
Die Milchkühe müssen abends zum Melken in den Stall zurückkehren, wo sie auch schlafen. Deshalb wiederholt sich die Küheprozession in der Zwischensaison am Morgen und am Abend. Will heissen: Es gilt den Weg vom Stall bis zum Eingang der Weide abzusichern. Immerhin schlendern die Kühe über Marias Vorhof, dann auf die Dorfstrasse und schliesslich überqueren sie die „Hauptstrasse“. Für diese Überquerung spannt ihr Bruder Johann die Schnüre quer über die Strasse. Wer in diesem Moment hoch- oder hinunterfahren will, muss warten. So viel zum Ablauf.

«Heute kannst du die Kühe reinholen!» – …Hääää?!»
Einmal, nach dem Heuen (am steilen Hang, will ich lobhaschend betont haben), war ich grad noch vor Ort, als die abendliche Küheprozession anstand. „Heute kannst du die Kühe reinholen“, sagte Maria. „Hä?“ stand deutlich in mein Gesicht geschrieben. „Einfach vorangehen, sie folgen dir dann schon“, erklärte sie knapp und verschwand in den Stall. „Oooooooookay“, dachte ich mir, „so schwierig kann das ja nicht sein. Aber trotzdem. Häääää? Was, wie, wann, wo, warum?“ Mein Herz pochte, aber ich liess mir nichts anmerken. „La la la la la, ganz ruhig bleiben, Erica, da kann gar nichts passieren. Ohhhmmm. Das schaffst du schon“, redete ich motivierend auf mich ein.

Der Moment rückte näher, das Herz pochte noch stärker. Ohhmmmm. Die Kuhherde stand schon ganz oben am Zaun und wartete. Ich sah zu, wie Johann die Schüre über die Strasse spannte und sich am Griff des Zauns zu schaffen machte. In Gedanken versunken blieb ich beobachtend stehen, als er plötzlich rief: „Jetzt muasch aber laufa!“. Ohalätz. Sekundenschnell begriff ich warum. Im Eiltempo stürmte die Kuhherde auf mich zu. Himmel noch einmal, was die Ladies für ein Tempo drauf hatten. Fast musste ich rennen, um meine Rolle als Leitkuh wahrnehmen zu können. Die Herde hätte mich sonst glatt überholt. Das liess mein Stolz nicht zu. Flugs hatte ich  den erforderlichen Abstand zwischen der ersten Kuh und mir hergestellt. Uff. Jetzt konnte ich entspannt voranschreiten und „Via, via!“ rufen. Ich tat das souverän, gelassen und kompetent (… die Werbetexterin in mir …), als ob ich in meinem Leben nichts anderes tun würde.

Oder was meinst du, sieht das etwa ängstlich aus? Na also.

2 Responses

    1. Erica Sauta

      Oh, vielen lieben Dank, Manuela. Heute ist Heuen angesagt – wieder am steilen Hang. Am Abend werde ich wissen, was ich gemacht habe. Merci für das Muh und das Ohmmmm 😊

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